Alleine verreisen

Was für den Einen die lang ersehnte Traumvorstellung ist, ist für den Anderen das Horrorszenarium schlechthin: Alleine verreisen.

Dabei treffen sowohl Romantisierungen als auch Ängste aufeinander. Wichtig ist es jedoch, sich nicht einer der beiden Tendenzen zu sehr hinzugeben und schließlich enttäuscht oder aber schon vorher abgeschreckt zu werden. Vielmehr ist es genau dieses "weder noch", das den Reiz dieser Reisen ausmacht.

Alleine verreist nach London
Alleine in London

Hürden und deren Überwindung

Die Hürden des Abenteuers alleine zu verreisen, beginnen meist schon am Flughafen. Der Toilettengang kann hier zu einer wahren Herausforderung werden und kollidiert meist mit dem eigenen Wunsch und der flughafeninternen Aufforderung, das eigene Gepäck nicht unbeaufsichtigt zu hinterlassen. Je nach dem Ausmaß und Umfang der Gepäckstücke wünscht man sich schnell eine Person, mit der man diese Aufgabe abwechselnd teilen kann.

Ein höheres Maß an Achtsamkeit und Selbstorganisation wird als definitiv verlangt. Der Kulturschock, vor allem wenn er sich mit Sprachbarrieren verbindet, kann unter Umständen in Personalunion leichter zu verkraften sein als alleine. Wenn man beim Verreisen aus seiner vertrauten Umgebung entflieht, ist man für eine bestimmte Zeit etwas empfänglicher für melancholische Anflüge und das Gefühl von Einsamkeit. Wichtig ist es jedoch vor allem, sich dessen im Vorhinein bewusst zu sein, um nicht überrascht zu werden und diese Erfahrung im Endeffekt auch genießen zu können. Es ist ein gewisses Wagnis, durch das man einfach durch muss. Eine gründliche Portion Humor kann dabei durchaus hilfreich sein.

Besondere Erfahrung der Anonymität

Derjenige, der es aber wagt, wird in den meisten Fällen mit reichen Erfahrungen und Horizonterweiterungen belohnt. Wer alleine verreist, hat plötzlich die Möglichkeit, Anonymität in einem Maße zu erleben, das selbst die eigene Großstadt nicht bieten kann. Wir sind an den Orten, in denen wir leben, meist so umfassend eingebunden, dass auch bei einem einsamen Spaziergang durch die Stadt nahezu ständig etwas an persönliche Verbindungen und noch viel mehr an Verpflichtungen mahnt. Alleine zu verreisen, bietet eine Form der Kontemplation und Versunkenheit, die im sonstigen Alltag kaum erfahrbar ist.

Alleine gelassenes Gepäck am Flughafen
Alleine gelassenes Gepäck am Flughafen

Der Luxus, sich in den Straßen einer fremden Stadt oder einem Café dem Treiben des Fremden zu überlassen, kann kaum hoch genug geschätzt werden. Es entsteht ein Abstand zum restlichen Leben, der auch ganz neue Perspektiven und Erkenntnisse über sich selbst ermöglichen kann. In der Einsamkeit des Reisens erfährt man schließlich wirklich vor allem sich selbst.

Eine Leseempfehlung für das Alleinreisen sei an dieser Stelle angebracht: Rainer Maria Rilke hat mit seinen Briefen an einen jungen Dichter ein meisterhaftes Plädoyer für das Glück in der Einsamkeit verfasst und bietet damit eine gute Anregung für die eigene Betrachtung.

Individualität auf Reisen

Die meisten Beziehungen und sogar viele Freundschaften werden in dem gemeinsamen Urlaub auf eine harte Probe gestellt und nicht wenige scheitern an dieser Herausforderung. Das ist verständlich, da diese Auszeit für die Mehrzahl der Reisenden als etwas Besonderes gilt und verschiedenste, ganz persönliche Schwerpunkte und Wünsche an eine Reise bestehen. Nicht immer sind diese miteinander kompatibel. Sich dessen bewusst zu sein und die Konsequenz daraus zu ziehen, alleine zu verreisen, ist kein Egoismus, da es dies nur wäre, wenn man bestrebt wäre, anderen Menschen die eigenen Vorstellungen aufzudrängen. Stattdessen ist es vielmehr Ausdruck der eigenen Individualität, die wir so selten aus- und erleben können.

Es ist durchaus wichtig, sich vor Augen zu führen, dass es vollkommen legitim ist, eine Reise unternehmen zu wollen, die ganz und gar den eigenen Wünschen und Vorstellungen entspricht. Des Weiteren ist es ein Zeichen von Stärke, sich den eigenen Bedürfnissen für eine gewisse Zeit zu überlassen.

Alleine im Straßencafe
Alleine im Straßencafé

Überraschende Geselligkeit

Ein weiterer bedeutender Faktor ist der jederzeit mögliche Anschluss an andere Reisende oder sogar lokale Bewohner. Diese Bekanntschaften eröffnen in vielen Fällen einen ungemein reichen Schatz an (Lebens- oder Reise-)Geschichten, geheimen Empfehlungen und kulturellen sowie historischen Hintergründen.

Während man alleine verreist, besteht der ungemeine Vorteil keinem Zwang zur Geselligkeit ausgesetzt zu sein, aber trotzdem jederzeit die Wahl zu haben, diese wahrzunehmen. Vor allem Hostels, Hotels, aber auch Cafés und Restaurants bieten hier Kontaktmöglichkeiten und Anknüpfungspunkt. Andere Mitreisende versperren oder erschweren einem diese Erfahrung in den meisten Fällen, auch wenn dies ungewollt und eher automatisch geschieht.

Wer nicht wagt, ...

Keiner wird für ein eigenes Urteil darum herumkommen, es zu wagen, alleine zu verreisen. Idealerweise tastet man sich mit einer kurzen Reise an dieses Erlebnis heran und schaut, wie man mit der Situation zurechtkommt beziehungsweise inwieweit es dem eigenen Charakter entspricht. Unter Umständen kommt dabei von ganz alleine der Wunsch nach einem längeren Alleinvereisen auf.

Abschließend dazu der oben erwähnte Rilke:

"... es ist die Scheu vor irgendeinem neuen, nicht absehbaren Erlebnis, dem man sich nicht gewachsen glaubt. Aber nur wer auf alles gefasst ist, wer nichts, auch das Rätselhafte nicht, ausschließt, wird die Beziehung zu einem Anderen als etwas Lebendiges leben und wird selbst sein eigenes Dasein ausschöpfen."

Rainer Maria Rilke

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